20.09.2004
Zur Kampagne "Ein Helm hilft, bevor wir helfen müssen"

Offener Brief

An Herrn Prof. Dr. Bernd Schorb
Universität Leipzig
Lehrstuhl für Medienpädagogik und Weiterbildung

Zur Kampagne „Ein Helm hilft, bevor wir helfen müssen“

Sehr geehrter Herr Prof. Schorb,

gerne nehmen wir zu Ihrem Schreiben Stellung. Davon abgesehen, dass die von Pächtern in der Sommerzeit freundlicherweise kostenlos zur Verfügung gestellten Plakatstellen ohnehin inzwischen weitgehend überklebt sind, liegt es nicht in unserer Absicht das angesprochene Plakatmotiv „Ein Helm hilft - bevor wir helfen müssen“ zurückzuziehen.
Wir nehmen jedoch Ihr Schreiben und Ihr Anliegen ernst und möchten versuchen zu erklären, warum das Plakatmotiv bewusst so drastisch ein Anliegen rüberbringt, dem sich die ZNS - Hannelore Kohl Stiftung u.a. verschrieben hat: der Prävention von Unfällen und deren Folgen mit Schäden des zentralen Nervensystems.

Das Plakatmotiv mit der abgebildeten Unfallsituation soll sich gegenüber dem werblichen Umfeld deutlich abgrenzen, um seine Botschaft zum Tragen zu bringen.
Dass das Plakat kontrovers diskutiert wird, war unsere Absicht, da nur die öffentliche Diskussion auf das Thema „ein Fahrradhelm schützt vor Unfällen“ fokussiert.

Das Motiv wendet sich insbesondere an Jugendliche und Erwachsene, die ihre Sorgfaltspflicht in puncto Helm beim Fahrradfahren häufig noch immer sehr lasch sehen. Insbesondere Eltern kommen selten ihrer Vorbildfunktion nach und radeln ohne Helm.

Das Helmtragen beim Fahrradfahren wird noch nicht ausreichend ernst genommen.
Die Folgen daraus sind das wahrhaft Schockierende, nicht das Plakatmotiv: Über 300.000 Menschen verunglücken jährlich im Straßenverkehr, mit z.T. schwersten Verletzungen des zentralen Nervensystems.

Es ist ein Wachrüttelmotiv, das sicher keine leichte Kost darstellt. Die Steigerung der Unfallzahlen bei Radfahrern um 7 % hat uns bewogen, zu dieser dramatischen Umsetzung zu greifen.

Kinder werden heute mit einer Vielzahl von weitaus subtileren und/oder brutaleren Gewaltszenen konfrontiert. Doch das vorliegende Plakatmotiv ist eine möglichst realistische Dokumentation einer Unfallsituation, keine Gewalt- oder Horrorszene.

Bei dem Fototermin war eine Polizeibeamtin anwesend, die in ihrer Sonderaufgabe tagtäglich mit diesen speziellen Unfallsituationen konfrontiert ist. Sie äußerte sinngemäß, dass viele Menschen sorgfältiger mit ihrem Kopf umgehen würden, wenn sie die Bilder sähen, die sie in ihrer tagtäglichen Arbeit erlebt. Die Beamtin hatte die Aufgabe, jede Übertreibung oder billigen Effekt in der Darstellung der Unfallszene zu unterbinden.

Dass Kinder auch diese Situation richtig einzuschätzen wissen, war an verschiedenen Reaktionen von Kindern, die bei den Fotoaufnahmen zufällig anwesend waren, abzulesen. Die Kommentare gingen dabei stets in eine Richtung, die Einsicht in das Helmtragen vermuten ließ. Besonders auch anwesende Erwachsene kommentierten die Aktion als sinnvoll und zeigten häufig einen „Lerneffekt“.

Das Plakatmotiv ist kein Selbstzweck. Es ist lediglich eine Trägerfolie für das dringende und selbstlose Anliegen einen Helm beim Radfahren zu tragen.
Wenn dadurch auch nur einigen Menschen das Schicksal eines schweren gesundheitlichen Schadens erspart bleibt, oder anderen geholfen werden kann, hat es seinen Sinn erfüllt.

Das Plakat lässt keinen Spielraum für positive Assoziationen oder Deutungen. Genauso wenig wie der Verlust der Sprache, des Tastsinns oder der Bewegungsfähigkeit, die durch das Nichttragen eines Helms erfolgen kann.

Wir hoffen, sehr geehrter Herr Prof. Dr. Schorb, dass unsere Ausführungen mehr Verständnis für die Wahl der Mittel und Darstellung auslöst.

Ute-Henriette Ohoven Prof. Coordt von Mannstein
Ute-Henriette Ohoven Prof. Coordt von Mannstein


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